Hallo,
schon ist der nächste Adventssonntag da und Weihnachten rückt immer näher, mein Gefühl jedoch sagt, es ist Juni-August. Das Wochenende war sehr warm und im Gegensatz zum Schnee der in Deutschland auf den Dächern liegt, liegen wir draussen in der Sonne:-).
Aber jetzt will ich Euch von dieser Woche erzählen.
Schon der Beginn dieser Woche versprach sehr aufregend zu werden. Entgegen der allwöchentlichen Teilnahme an der Mitarbeiterversammlung am Montag, fuhren meine Kollegin und ich zu einem Projekt, dessen Start unmittelbar bevorstand. Es ging um ein "Schweineprojekt". Schweine werden an Mitglieder einer Kooperative verteilt mit den Zielen der einkommensschaffenden Maßnahme (Züchtung und folgenden Verkauf von Tieren) und der Gewinnung von tierischem Mist für die Düngung von Feldern, also zur Steigerung der Ernte. Wenn Ihr euch erinnert, ein ähnliches Projekt sind wir mit Ziegen am Durchführen (siehe Posts von den vergangenen Monaten). Und am letzten Montag stand die Verteilung dieser Schweine bzw. Ferkel an. Der Projektort befindet sich ungefähr 2 1/2 Stunden entfernt von Kigali und ist weitesgehend über eine gut ausgebaute Teerstraße zu erreichen. Zuerst statteten wir dem Schweinezüchter einen Besuch ab und kontrollierten, ob die Ferkel in einem guten Zustand sind bevor wenig später der LKW anrollte, um sie aufzuladen. Die Ferkel waren in einem großen Stall zusammengepfercht und suhlten sich im Matsch. Wie das Schweine halt so machen. Zum Glück herrschte da noch Ruhe und die Mehrzahl der Tiere döste vor sich hin, nichts ahnend dass sie wenig später in die Hände von Ruandern geraten werden:-).
Leider ließ der Transporter auf sich warten und wir verweilten im Auto oder spazierten über die Straße. Nach einer Wartezeit von einer Stunde brachen wir dann auf, ohne die Ankunft des Lastkraftwagens (mir war mal danach es auszuschreiben) abzuwarten. Auf dem Weg zurück zur Teerstraße ( es waren nur 2 km Piste ) begegnete uns der Laster und wir waren beruhigt und fuhren weiter in Richtung des Sammelortes für die Kooperative, der ein paar Kilometer hinter der Stadt Butare in einem Tal neben der lokalen Kläranlage (die Einzige, die ich bisher in Ruanda gesehen habe, aber immerhin!!!) lag. Dort angekommen waren noch keine Mitglieder anwesend und wir entschieden uns den Leuten den Hügel hinauf entgegen zu fahren, um sie ein wenig "anzutreiben", wie meine Kollegin so schön sagte!
Auf halbem Weg kamen uns die ersten Damen und Herren schon entgegen und wir wendeten und rollten wieder ins Tal. Die eintreffenden Menschen ließen sich dann auf den Wiesen nieder und wir warteten gemeinsam auf die "Ferkelkutsche". Diesmal machte ich mir die Mühe und begrüßte alle Mitglieder einzeln, natürlich auf Kinyarwanda, sodass viel Gelächter und Freude einsetzte und ich direkt schon nicht mehr so "weiss" wirkte. Diesesmal begleitete uns ein Journalist, der über die Verteilung, das Projekt im Allgemeinen und die Partnerschaft berichten wollte. Zu diesem Zweck fragte er auch mich, ob ich nicht ein paar Fragen beantworten möchte. Dabei muss ich erwähnen, dass er für ein lokales Radio arbeitet und deswegen ein Diktiergerät dabei hatte. Wir unterhielten uns auf Englisch und seine Aussprache war leider sehr unverständlich, sodass ich auf Fragen antwortete, die ich teilweise gar nicht richtig verstand und meine Bitte für eine Wiederholung der Frage - machte das Problem nur noch schlimmer. Aber ich denke ich habe einigermaßen gut geantwortet. Auf der anderen Seite musste ich auch vorsichtig sein was ich sagte, da ich nicht mit: "der Mann von der Partnerschaft hat das und das gesagt" zitiert werden wollte! (Als wir nach der Verteilung die Radiostation besuchten, um uns den Beitrag vor der Sendung anzuhören, stellte sich heraus, dass der Radioreporter nur einen Satz von mir verwendete:-). So sind Journalisten halt). Kurz nach dem Ende des Interviews rollte dann auch schon die quiekende Meute an und die Ruander waren aufgeregt und erhaschten von der höherliegenden Wiese bereits einige Blicke auf die Ladefläche des LKW's. Einige Minuten zuvor hatten sich alle Mitglieder in eine Liste eingetragen, um dann während der eigentlichen Verteilung den Erhalt eines Ferkels mit einer Unterschrift zu bestätigen.
Endlich konnte die Verteilung beginnen und mit Hilfe unseres Fahrers buxierten wir die Menge in eine für uns einigermaßen vorteilhafte Anordung. Aber wie ich mir da bereits dachte, würde diese Ordnung nicht lange anhalten. Wir gingen dann so vor, dass die einzelnen Mitglieder aufgerufen wurden, vortreten mussten und ihr Ferkel nach dem Unterschreiben erhielten. Zu Beginn verlief die Ausgabe auch recht ordentlich, doch dann monierten sich einige Leute, die bereits ein Ferkel erhalten hatten, über die jeweilige Farbe und Besonderheit ihres Ferkels. Bis dahin wusste ich nicht, dass die Ruander nur schwarze Schweine kennen und deswegen stellt eine "rosa" oder "braun gefleckte" Färbung der Haut schon eine Art Kulturschock für die Ruander dar. Meine Kollegin hatte alle Hände voll zu tun, die Beschwerden zu abzuarbeiten und den Leuten zu erklären, dass die Schweine mit nicht-schwarzer Hautfarbe ganz normal wachsen und auch kein Unglück bringen. Es war wirklich zum Schießen, aber auf der anderen Seite ist das eben hier so, wieder so eine Eigenart, die man ersteinmal wissen und respektieren muss!!! Desweiteren hatten wir damit zu kämpfen, dass einige junge Männer, die nicht zu der Gruppe gehörten, versuchten, Ferkel von der Ladefläche zu mopsen. Wiederum war unser Fahrer zur Stelle und bewachte, die uns abgekehrte Seite des Lasters. Nach etwa 3 Stunden der Verteilung und etlichen Fotos die ich von jeder einzelnen Übergabe schoss, war die "Kutsche" leer und fuhr weg. Danach wurde alle Mitglieder zusammen getrommelt, weil sie sich alle verteilt hatten und wurden von meiner Kollegin nochmals in die Mangel genommen und sensibilisert, die Schweine gut zu behandeln und zu züchten und nicht am Abend als Spanferkel zuzubereiten! Und damit ging wieder mal ein Ereignis zu Ende, dass ich wegen der Besonderheit in Erinnerung behalten werden. Ich hoffe die Leute nutzen ihre Chance, aufjedenfall macht sie ihre Freude und ihre Dankbarkeit mir sehr sympathisch und ich mag solche Projektbesuche.
Am Mittwoch stand dann mit meiner Kollegin F. von Montag eine Reise über 3 Tage nach Cyangugu auf dem Programm. Gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Baubereich, der auch einige Projekte in der selben Umgebung zu besuchen hatte, starteten wir frühmorgens um 7. Die Fahrt ging in den Süd-Westen des Landes, unmittelbar an die Grenze zum Kongo. Wenn ihr Euch erinnert, war ich auch da bereits schoneinmal. Auch dieses Mal passierten wir den Nebelwald und durch die guten Ortskenntnisse meines Kollegen stoppten wir an besonders schönen Ausblickspunkten (siehe Fotos!). Ein Punkt gefiel mir außerordentlich gut. Es handelte sich um einen Standort, der den Ausblick auf ein riesiges Plateau mitten im Wald zulässt. Es ist eine kilometerlange und -breite Fläche, die umkreist von einer Bergkette wie ein riesiger ebener Krater aussieht. Diese Ebene ist bedeckt von gelblich wirkendem Gras und die Bäume der umliegenden Hänge wachsen unverkennbar nicht in die Fläche hinein. Dazu gibt es auch einen Grund und eine Geschichte: Der Geschichte nach starben alle Elefanten, die vor etwa 100 Jahren noch im Wald lebten, bei dem Versuch diese Ebene zu betreten. Ich glaube zu meinen, dass das Plateau auch den Namen "Elefantental" besitzt. Der Grund dafür sind Gase, die über der Oberfläche schweben und Leben nahezu unmöglich machen. Der Boden ist total übersäuert und nur das gelbliche Gras hält sich dort. Es wird angenommen, dass diese Gase aus dem Kivusee stammen und durch die Erdschichten unter der Ebene aufsteigen. Es ist ein faszinierender und unheimlicher Anblick!! Umwerfend!
Am frühen Nachmmitag erreichten wir die Stadt und machten uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Unglücklicherweise fand zur selben Zeit ein Treffen von katholischen Jugendlichen statt, die aus allen Pfarreiren des Landes anreisten. Letztendlich fanden wir dann Zimmer bei protestantischen Schwestern, direkt am Schlagbaum zum Kongo. Noch am selben Tag machten wir uns auf den Weg zu der Insel auf der wir mit unserem Kollegen eine Schule besuchten, die nach einem Erdbeben im vergangenen Jahr wieder aufgebaut wurde. Bei meinem ersten Besuch auf der Insel überquerten wir den See an der engsten Stelle, doch dieses Mal nutzten wir ein Motorboot, da wir in den Norden der Insel mussten und ein Fussmarsch zu viel Zeit gekostet hätte. Die Fahrt war sehr schön und ich konnte einen Großteil der Insel vom Wasser aus erblicken (siehe Fotos). Ebenfalls hatten wir das Komitee unserer ansässigen Kooperative zur Schule bestellt, um ein Gespräch zu führen und die Besichtigung von Anbaufeldern zu planen, die wir für den nächsten Tag ansetzten. Abgekämpft nach der langen Autofahrt und dem Besuch der Insel, gingen wir nach einem Abendessen in einem mir bereits bekannten Restaurant (es gab wie so oft Buffet) früh ins Bett. Witzigerweise wohnten in der selben Herberge auch drei weitere Freiwillige, die ihren Projektort in einer Pfarrei haben und dadurch auch bei dem Jugendforum anwesend waren. Alle drei kenne ich bereits aus den ersten Tagen in Ruanda.
Am darauffolgenden Tag machten sich meine Kollegin und ich uns auf den Weg, erneut die Insel zu besuchen. Unser Kollege kontrollierte in der Zwischenzeit Projekte auf dem Festland. Dieses Mal nutzten wir wieder den kürzesten Wasserweg ohne Motorboot. Um die Felder der Kooperative, die in naher Zukunft vier Kühe zur Milch- und Düngerproduktion bekommen sollen und dafür Futtermittel für die Tiere kultivieren, zu besuchen, mussten wir 9 km marschieren. Der Weg befand sich auf dem Kamm des Inselhügels und war dadurch sehr angenehm, weil eben. Meine Kollegin ging mit den Männern des Komitees einige Meter vor mir, dadurch hatte ich und mein stattliches GEFOLGE ausreichend Platz. Natürlich bestand meine Begleitung aus vielen Kindern, die Gefallen an dem großen Weißen fanden und strahlend mit mir den Weg bestritten. Einige Male blieb der Weiße dann auch einfach stehen und somit vor Schreck auch alle Kinder, dann drehte er sich manchmal um und lief in die entgegengesetzte Richtung und die Menge der Kinder stob vor Angst in alle Himmelsrichtungen auseinander. Seltsamer „Weißer“ !!!! Es macht echt riesig Spass solchen Jux zu machen. Auf der anderen Seite bringe ich manche Kleinkinder auch schonmal zum Weinen und dass nur, weil ich mich vorsichtig nähere. Meine Kollegin sagt dann immer, dass ich nicht kleine Kindern auffressen soll.
Kurz vor dem Erreichen der Felder passierten wir eine riesige Versammlung von Menschen, denn der Sekretär des Sektors war vor Ort und erörterte Themen. Gott sei Dank erblickte mich nur ein sehr kleiner Teil der etwa 200 Menschen und ich konnte unauffällig an der Menge vorbeihuschen. Wie es anders verlaufen hätte können, könnt ihr euch sicher ausmalen.
Die Felder der Kooperative liegen unmittelbar am Seeufer und wir ließen uns auf der Wiese nieder und meine Kollegin begann umgehend mit der Diskussion, denn die bereits angebaute Menge von Futtermitteln wird nicht ausreichen die Kühe zu ernähren. Nachdem ich ein paar Fotos von der Gesprächsrunde schoss, setzte ich mich zu den Kindern, die uns/mir bis dorthin gefolgt waren und fing an mit ihnen Blumenketten und andere Dinge zu basteln. Es war sehr witzig und die Kinder waren begeistert. Dann entfernten wir uns von der Gruppe und ich lernte mit den Kindern ein wenig Englisch. Nämlich, dass sie mir auf mein „Good morning“ (Guten Morgen) nicht mit „Good morning teacher“ (Guten Morgen Herr Lehrer) antworten sollen, sondern mich mit "visitor" (Besucher) ansprechen können, was ja auch mehr Sinn macht. Nach einigen Erklärungsversuchen mit Hilfe einiger Brocken Kinayrwanda und Händen und Füßen klappte es auch. Ich hoffe meine Erklärung, dass sie in der Schule weiterhin „Teacher“ (Herr Lehrer) sagen sollen, fruchtete. Ich befürchte nicht.
Nach etwa 2 Stunden konnten wir den Rückweg antreten. Leider näherten wir uns der Versammlung diesmal von einer anderen Seite und alle konnten mich erblicken. Das Gras wächst dort zu meinem Nachteil nicht 2 m hoch. Alle Menschen starrten auf mich und der Sektorchef verlor augenblicklich die gesamte Aufmerksamkeit der Zuhörer. Ich fühlte mich sehr unwohl und hoffte den Sekretär würde es nicht verärgern, denn wir passierten die Menge auf einer Länge von 400 m und dass dauerte halt eine gewisse Zeit. Nachdem wir einige hundert Meter zwischen die Gruppe und uns gebracht hatten, löste sich diese auf und folgte uns auf demselben Weg. Aus Spass sagte ich zu meiner Kollegin, dass jetzt der Sektorchef die Menschen hinter mir herschicke, um mich gefangen zu nehmen und mich als Strafe für die Störung seiner Sitzung in einen Käfig sperren würde. Da 70% der Inselbevölkerung aus Frauen besteht lachte meine Kollegin umso mehr und meinte, sie wüsste dass meine Mama kommen würde, um ihren Sohn zu befreien.
Nachdem wir an diesem Tag 18 km Fussmarsch bewältigten, fielen wir, wie am vorherigen Abend, erschöpft in unsere Betten. Am Freitag ging es dann wieder Richtung Kigali und vorher noch an eine weitere Schule zur Kontrolle der Arbeiten. Zu meiner Überraschung zeigte uns unser Kollege heiße Quellen, die in der Nähe lagen. Die Quellen befinden sich auf dem Gelände eines Abbaugebietes für eine Zementfabrik und das Gebiet um die Heißwasserseen werden von der Fabrik gepflegt. Deswegen war es wie eine Parklandschaft mit Teichen, gefüllt mit warmem und kochendem Wasser. Herrlich. Bitte Bilder anschauen!!
An diesem Abend erreichten wir erst gegen neun Uhr Kigali.
Ein sehr umfassender Bericht. Entschuldigt, aber es macht Spass meine Erlebnisse niederzuschreiben.
Bis dann und schöne letzte Stunden des 3. Advents.
Sonntag, 13. Dezember 2009
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